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Karin Schädler arbeitet als freie Journalistin mit einem Schwerpunkt auf Migrations- und Auslandsthemen. Sie ist auch als Seminar- und Projektleiterin in der Internationalen Jugendarbeit tätig.

 
 
 
Islamfeindlichkeit
Buchrezension von Karin Schädler
 
Würden nur noch Leute wie "ihr" hier leben, dann würde dieses Land aufhören zu existieren, ja, es wäre abgeschafft. So die bekannteste These eines Buches, das im vergangenen Jahr den Diskurs über das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkünfte und Religionen in Deutschland bestimmte. Das "ihr" steht hier nicht für Verfassungsfeinde. Es steht auch nicht für Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Nein, es steht für jeden, der nicht rein "deutschstämmig" ist – irgendwie ethnisch und religiös-kulturell gesehen. Und ganz besonders für Muslime.
 
Deutlicher kann man es jemandem nicht sagen, dass er angeblich nicht dazu gehört. In der öffentlichen Debatte, die auf das Buch von Thilo Sarrazin folgte, ging es dann natürlich auch nicht um Kettenduldungen oder desaströse Zustände in Flüchtlingslagern an den Grenzen Europas. Nicht um BewerberInnen mit türkischen oder arabischen
Namen, die eine statistisch erheblich schlechtere Chance haben, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Nicht um impliziten und expliziten Rassismus. Nicht um die überwiegende Mehrheit der Menschen mit ausländischen Wurzeln, die entweder erfolgreich oder unauffällig sind. Nicht um die ständigen Versuche deutscher PolitikerInnen, EU-Recht unzureichend umzusetzen, um MigrantInnen Rechte vorzuenthalten. Nein, es ging um "Integrationsverweigerer", um den Islam, um die falschen Gene und die Frage, ob und inwieweit der Ex-Finanzsenator und damalige Bundesbanker Sarrazin Recht hat mit seiner These, dass Deutschland dabei ist, sich abzuschaffen.

 
Hilal Sezgin (Hg.) Manifest der Vielen - Deutschland erfindet sich neu, 2011/ 2.Aufl., Blumenbar Verlag

Das Bild, das Sarrazin von den MuslimInnen in Deutschland hat, konnte er durch die Debatte immer weiter verbreiten: "Tatsache ist, dass es sich um eine sehr abgeschlossene Religion und Kultur handelt, deren Anhänger sich für das umgebende westliche Abendland kaum interessieren - es sei denn als Quelle materieller Leistungen."
 
Wie sollen Kulturschaffende und muslimische Intellektuelle darauf reagieren? Schimpfen, sich ärgern oder eine Anti-Sarrazin-Satire nach der anderen produzieren? Oder gar den rassistischen Grundgedanken Sarrazins soviel Bedeutung beimessen, dass man sich intellektuell mit dem Buch auseinandersetzt? Das "Manifest der Vielen" ist eine ungewöhnliche Antwort auf Sarrazins Buch und die Diskussionen des vergangenen Jahres. Ungewöhnlich vor allem deshalb, weil es eben gerade nicht versucht, eine einzige Antwort zu finden. Es vereint 29 Texte von einigen der renommiertesten muslimischen Intellektuellen des Landes, die allesamt kurz und gut lesbar sind.  Einig scheinen sich alle darin zu sein, dass sich die Stimmung gegenüber Muslimen und "Menschen mit Migrationshintergrund" in Deutschland und Europa verschlechtert, obwohl das gemeinsame Miteinander kein Problem sein müsste.

Feste Zuschreibung als „symbolische Diskriminierung“
 
Das Hauptthema des Buches sind nicht die Anschläge auf Moscheen, die hierzulande vermehrt auftreten, und auch nicht die verbalen und zum Teil körperlichen Übergriffe auf kopftuchtragende Frauen, inklusive des ersten islamfeindlich motivierten Mords vor zwei Jahren. Hauptsächlich widmen sich die AutorInnen nicht Gewaltausbrüchen, sondern deren inhaltlichem Fundament, der "symbolischen Diskriminierung". Die besteht darin, Muslime und "Menschen mit Migrationshintergrund" nicht als Individuen anzuerkennen, sondern nur als Produkt ihrer - möglicherweise auch noch verzerrt wahrgenommenen - Religion und Kultur, die als mit dem "Deutschen" unvereinbar erklärt werden. Dadurch kommt es dazu, dass alle möglichen Menschen, etwa Ekrem Şenol, der Chefredakteur der Online-Nachrichtenseite Migazin http://www.migazin.de/, gefragt werden, ob sie denn nicht auch zwangsverheiratet seien. Und dazu, dass die Schauspielerin Pegah Ferydoni immer nur die "Betroffenheitstürkin" spielen darf. Auf diese Weise entsteht eine feste Zuschreibung, eine "Muslimisierung der Muslime", wie sie die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur beschreibt.

Die Herausgeberin des „Manifests der Vielen“ und freie Publizistin Hilal Sezgin stellt fest: "Identität ist eine Schablone, die man Menschen aufdrückt, mit denen man sich nicht von Mensch zu Mensch unterhalten will." In vielen der Beiträge im "Manifest der Vielen" verlangen die AutorInnen danach, als individueller Mensch wahrgenommen zu werden. Wie unsinnig es ist, alle "Menschen mit Migrationshintergrund" als eine einheitliche Gruppe mit einheitlichen Schwierigkeiten zu sehen, beschreibt die Journalistin Ferdos Forudastan in ihrem Beitrag "Wir sind nicht alle Fatma". Der Autor Deniz Utlu fordert in seinem futuristischen und sehr poetischen Beitrag gar ein Land, das “immun gegen jede Zuschreibung” ist.
 
Es ist schwierig, etwas an diesem Buch zu bemängeln, ganz einfach, weil es so vielfältig ist. Denkt man an der einen Stelle, hier fehle jetzt aber dies und jenes, widmet sich ein anderer Autor oder eine andere Autorin dieser Thematik. An vielen Stellen hat man den Eindruck, das sei jetzt aber doch alles sehr negativ und wenn man schon behauptet, dass der Abgesang auf eine multikulturelle Gesellschaft falsch ist, dann müsse man doch auch ein bisschen über ein gelungenes Miteinander schreiben. Dann aber blättert man weiter und findet dieses gelungene Miteinander: Da schreibt die Verlegerin und Autorin Sineb El Masrar von pensionierten LehrerInnen, die in Büchereien Kindern ausländischer Herkunft bei den Hausaufgaben helfen. Und Hilal Sezgin erzählt aus ihrer Kindheit in einer bikulturellen Familie - zwischen Naturkundemuseum und Universitäts-Campus.

An anderen Stellen denkt man, nun gut, aber ein paar Probleme sind nun einmal nicht wegzudiskutieren, das könnte doch auch einmal jemand erwähnen. Und schon thematisiert die Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor soziale Probleme, die unter Muslimen besonders häufig aufträten - allerdings nicht hauptsächlich religiös und kulturell bedingt seien - und Forudastan räumt ein, dass ein Teil der muslimischen Mädchen tatsächlich zum Kopftuch gezwungen werde, wohlgemerkt, ein Teil.
 
“Pogromstimmung“ gegen Muslime?

Eines sei aber gesagt: Dass dem „Manifest der Vielen“ ein solch polarisierendes Geleitwort vorangestellt wurde, dürfte so manchen Leser verschrecken. Dieses wunderbar abwechslungsreiche und größtenteils differenzierte Buch hätte eigentlich ein Geleitwort verdient, das besser zu ihm passt. Der Schriftsteller Christoph Peters schreibt darin, es gebe in Deutschland eine "Pogromstimmung" gegen MuslimInnen. Wer so etwas behauptet, bekommt für gewöhnlich schnell zu hören, er solle doch bitte mal die Kirche im Dorf lassen. Dass sich die Stimmung verschlechtert, steht außer Frage, aber zwischen einer schlechten Stimmung und einer „Pogromstimmung“ liegen nun einmal immer noch Welten.

Ein Hin und Her zwischen Warnen, Differenzieren, Verbinden, Kritisieren, Hinterfragen und auch einfach mal drüber Lachen ist im Manifest der Vielen insgesamt hervorragend gelungen. Doch im Geleitwort gibt es nur das Warnen.
 
Die Beiträge umgekehrt alphabetisch anzuordnen und so alle AutorInnen gleich wichtig zu nehmen, ist zwar originell, aber dramaturgisch gesehen schade: So starten die LeserInnen mit dem zwar literarisch höchst anspruchsvollen, aber wiederum rein "warnenden" Beitrag des Schriftstellers Feridun Zaimoglu ins Buch und wird mit dem zwar symptomatischen und daher wichtigen, aber doch deprimierenden Gedanken der Autorin Hatice Akyün, aus Deutschland auszuwandern, wieder entlassen. Was aber nicht tragisch ist, denn schon strömt die ganze Vielfalt dieses Buches auf die LeserInnen ein: Die klugen Gedanken des Schriftstellers und Orientalisten Navid Kermani zum Minarettverbot, das er im Kern als Angriff auf das europäische Projekt sieht - getragen von neoliberalen und anti-sozialen Euro-Skeptikern. Die brillante Persiflage auf einen gewissen „T.“ der Schriftstellerin Jasmin Ramadan, die alle, die sie gelesen haben, beim künftigen Anblick von Thilo Sarrazin zum Schmunzeln bringen wird. Die amüsanten Erinnerungen des Regisseurs Neco Çelik an die Begegnung von Ostdeutschen und (westdeutschen) Deutschtürken in Berlin nach dem Mauerfall.

Löungsansätze werden kaum angesprochen

Was kann denn überhaupt fehlen in einem so vielfältigen Buch? Wenn man gegen eine zunehmende anti-muslimische Stimmung schreibt, könnte man sich zum Beispiel fragen, ob man nicht auch selbst manchmal - zum Beispiel qua Medienlogik oder aus Versehen - zu ihr beiträgt. Wenn etwa Sineb El Masrar auf einem Podium bei der Friedrich-Ebert-Stiftung über irgendeinen angeblich prototypischen "Ali aus Neukölln" spricht, von dem sie sich dann abgrenzt, hat sie zwar ihre eigene Haut gerettet und eine Vielfalt in der muslimischen Community dargestellt, aber trotzdem ein Stereotyp bedient. Oder wenn Hatice Akyün in einer Kolumne über ihren Stadtteil Berlin-Charlottenburg schreibt: "Nicht mal eine Moschee haben wir, es sei denn, sie tarnt sich als Hinterhofmoschee, in denen bärtig-grimmige Muselmanen sitzen, die den Dschihad auf Auslegware von Teppich Hübner planen." So werden Vorurteile gegen Hinterhofmoscheen, die mangels Alternativen in Deutschland immer noch der Normalfall sind, aufrechterhalten.
 
Die AutorInnen thematisieren zu Recht, dass Pauschalurteile und Stimmungsmache gegen Islam und MuslimInnen stärker werden und in weiten Teilen der Gesellschaft mittlerweile als salonfähig gelten. Doch wie man dem begegnen kann, was Lösungsansätze wären,wird kaum angesprochen. Es wird ein Problem beschrieben - auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Argumenten -, dort aber bleibt das Buch in weiten Teilen stehen.

Ob Deutschland sich teilweise bereits neu erfunden hat, wie auf dem Buchtitel gefordert wird, oder was passieren müsste, damit es das tut, bleibt offen. Dieses neu erfundene Deutschland wäre wohl, so meint man zwischen den Zeilen zu lesen, ein Land, in dem Vielfalt als etwas Positives gälte. Im "Manifest der Vielen" konzentriert sich alles auf die Erwartung und den Anspruch, dass die Gesamtgesellschaft ihre Meinung über den Islam und die MuslimInnen ändert, doch wie wir dahin kommen, behalten die AutorInnen weitgehend für sich, obwohl sie sich in anderen Veröffentlichungen zum Teil schon Gedanken darüber gemacht haben. Zumindest von dem Beitrag mit dem Titel "Gemeinsame Identität im pluralen Deutschland" der Politikwissenschaftlerin Naika Foroutan erwartet man es, doch auch hier liegt der Fokus auf der Beschreibung des Problems.
 
Ausgrenzung ist nur möglich durch einen starren Wir-Ihr-Gegensatz, dem Rassisten alles andere unterordnen und den auch Sarrazin weiter propagiert hat. Einem Buchprojekt wie dem “Manifest der Vielen” sollte eigentlich daran gelegen sein, eine solche Polarisierung zu durchbrechen. Leider bedienen sich aber etliche der AutorInnen ebenfalls einer Wir-Ihr-Rhetorik. Und auch inhaltlich ist auffällig, dass Verbündete auf der Seite der Nicht-MuslimInnen und Nicht-MigrantInnen kaum thematisiert werden. Stattdessen ist häufig von der deutschen “Öffentlichkeit” oder den deutschen Medien im Allgemeinen die Rede. Da sticht es schon richtig ins Auge, wenn Lamya Kaddor plötzlich erwähnt, dass etliche SpitzenpolitikerInnen, wie etwa SPD-Chef Sigmar Gabriel, Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger oder der CSU-Politiker und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, ihre Stimme gegen Sarrazin erhoben. Oder wenn die Bloggerin und Kolumnistin Kübra Gümüsay den Blick darauf lenkt, dass MuslimInnen nur eine von vielen Gruppen sind, die Diskriminierung erleben: „Schwarze, Juden, Schwule, Frauen – sie alle machen ähnliche Erfahrungen.“

Ein Manifest, das Mut macht

Letztendlich ist das „Manifest der Vielen“ aber nicht nur wegen des Inhalts – der Problembeschreibung wichtig. Es ist vielmehr auch ein Mutmach-Buch. Deshalb wird es auch derzeit unter allen gegen Diskriminierung Engagierten so fleißig hin und her empfohlen. Man fühlt sich entmutigt von der öffentlichen Debatte und sucht neue Hoffnung.

Die liefert im “Manifest der Vielen” ganz besonders der Beitrag von Ekrem Şenol. Es ist der vielleicht am meisten zukunftsgerichtete Beitrag und überhaupt das Juwel des Buches: “Selbstbewusstsein – eine Gebrauchsanweisung”. Wer ihn gelesen hat, fühlt sich um ein paar Probleme ärmer und unwillkürlich erleichtert. “Wir müssen uns nicht integrieren”, sagt Şenol darin unter anderem. Diese Forderung sei nichts anderes als eine “leere Worthülse”, die insbesondere PolitikerInnen nach Gutdünken verwenden würden. Nur an die Gesetze muss man sich halten. Ansonsten gestehe der Staat das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit zu:

“Sie dürfen sich kleiden, wie es Ihnen gefällt, Sie dürfen einkaufen, wo Sie wollen, Sie dürfen schauen, was Sie wollen, Sie dürfen wohnen, wo Sie wollen, und Sie können an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen oder einfach zu Hause bleiben – ganz wie Sie es wollen.”

Nicht um der Integration willen, sondern ganz allgemein, empfiehlt Şenol, man solle sich einbringen und etwas für das Gemeinwohl tun. Doch diese Forderung gilt eben nicht nur für MuslimInnen oder „Menschen mit Migrationshintergrund“, sondern für alle Bewohner Deutschlands.

Mai 2011

 

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