Heinrich-Böll-Stiftung   Migration   Integration   Diversity  
     
  IntegrationspolitikCitizenship & DemokratieReligionArbeitBildungKunst & KulturProjekte  
     
   
 
zurück

Europas Muslimische Eliten von Jytte Klausen, Campus Frankfurt /M. 2006

 
 
 
Buchvorstellung
"Europas Muslimische Eliten", die Studie von Jutte Klausen, wurde am 7. Juni 2006 auf der Galerie der Heinrich Böll Stiftung präsentiert. Mit der Autorin diskutierten der CDU Abgeordenete Ammar Alkasar und Bilkay Öney, Fernsehmoderatorin und grüne Kandidatin in Berlin. Marianne Zepp, Referentin für Demokratie und Zeitgeschichte der Stiftung, fasst die Diskussion zusammen.

Jytte Klausen ist Professorin an der Brandeis University in Boston für vergleichende Politikwissenschaft. Sie ist dänischer Herkunft. Es ist diese Perspektive der Nähe und Distanz zugleich, die dieser Untersuchung ihren besonderen Reiz verleiht. Prof. Klausen verfügt über eine Innenansicht der amerikanischen Einwanderungs- und Integrationspolitik. Das Selbstverständnis eines multikulturellen Einwanderungslandes (wie auch immer die soziale und politische Realität dahinter aussieht) unterscheidet sich in Tradition und Verfasstheit von den europäischen Nationen wesentlich.

Das amerikanische Nationalbewusstsein, das sich mit der Integration immer neuer Einwanderungsgruppen aufs trefflichste zu verbinden weiß, hat wenig mit dem immer noch dominierenden Homogenisierungsdrang des europäischen Staatsverständnisses gemeinsam. Die Probleme, mit denen alle europäischen Lände konfrontiert sind, die muslimische Einwanderungsgemeinden haben,beweisen, dass das grundlegende Muster, mit dem bisher das Verhältnis von Staat, Religion, religiösen Organisationen und Ethnizitätreguliert wurde, nicht mehr gültig ist.

Die Medienaufmerksamkeit auf die deutsche Ausgabe des Buches zeigt, dass die Auseinandersetzung mit religiösem Pluralismus, mit Einwanderungsgruppen, die den angeblich verbindlich geltenden Wertekanon in Frage stellen, überfällig ist. Die neue Perspektive, nämlich die Erwartungen einer Gruppe abzufragen, die nicht in das Raster der sozial ausgegrenzten Integrationsverlierer fällt, sondern ihre Mitsprache an die europäischen Gesellschaften angemeldet hat, bringt Differenzierungen in die Debatte und stellt Verallgemeinerungen in der Wahrnehmung „des Anderen“ (was immer das sei) vehement in Frage.

Jutta Klausen hat eine ausführliche Studie mit einem sample von 300 Interviews vorgelegt, die sie in der Heinrich Böll Stiftung vorstellte. Ihre GesprächspartnerInnen waren zwei junge PolitikerInnen, die der untersuchten muslimischen Elite wie sie Jytte Klausen definiert hat, zuzurechnen sind: Ammar Alkassar, Abgeordneter der CDU im saarländische Kreistag und Bilkay Öney, Kandidatin der Grün-altenativen Liste für das Berliner Abgeordnetenhaus und Fernsehmoderatorin des türkischen Senders TRT.

In ihrer Einführung wies Jytte Klausen darauf hin, dass ihr Begriff von „muslimischer Elite“ eine Kategorie von Herkunft und religiöser Zugehörigkeit verbindet. Die Lösung einer Anerkenntnis als Religionsgemeinschaft analog zu den christlichen Großkirchen und dem jüdischen Zentralrat ist eines der Anliegen, die von den hier lebenden Muslimen als ein Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung gesehen wird. Religiosität als kulturelle Kategorie zu betrachten, wie Klausen das vorschlägt, die unterschiedlich ausgelegt und gelebt werden kann, die gesellschaftspolitisch den Bedürfnissen angepasst wird, Wandlungen unterworfen ist, öffnet den Blick für unterschiedliche Erfahrungen, Prägungen und Verarbeitungen.

Bilkay Öney verwies in ihrem Beitrag darauf, dass sie aus einer nichtgläubigen Familie kommt und mit der Definition über Religionszugehörigkeit nichts anfangen kann, während Alkassar gerade den Verweis auf religiöse Werte in der CDU für sich attraktiv fand. Er sieht seine Aufgabe auch darin, in der CDU für eine religiöse und kulturelle Pluraliät zu werben, die durch die Auslassungen mancher Konservativer über die christlichen Grundlagen unserer Gesellschaft provokant in Frage gestellt wird.

Die Herausbildung eines neuen europäischen Islamverständnisses, das allzu oft mit den Übergriffen radikaler Islamisten nach Europa gleichgesetzt wird, nimmt Klausen in ihrem Buch ernst und unterscheidet sehr deutlich zwischen Radikalisierungstendenzen in überwiegend islamischen Ländern und den Ansichten der Mehrheit der hier lebenden Mitglieder muslimischer Gemeinden. Den europäischen muslimischen Eliten attestiert sie weitgehend Integrationsbereitschaft und den Willen zur Anpassung in die europäischen Gesellschaften, allerdings mit der Forderung nach Anerkennung von kultureller Differenz verbunden.

Die amerikanische Definition einer abrahamistischen Religion, die Judentum, Christentum und Islam umfasst, als neuen gesellschaftspolitischen Grundkonsens zu definieren, empfiehlt sie indirekt auch Europa,. Dabei ist ihr deutlich, dass die Übertragung amerikanischer Lösungsversuche auf Europa nicht funktionieren wird. Auf das Problem des sich auch in den deutsch-türkischen Communities ausbreitenden Antisemitismus würde dies auch keine befriedigende Antwort geben. Das können nur christliche, muslimische, jüdische und ungläubige Eliten zusammen tun.